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17. 06. 2015 STADT& LAND KURIER 5 CUXHAVEN. Menschen aus 104 verschiedenen Nationen leben in Cuxhaven. Die Cuxhaven Kurier-Redaktion wird jeweils einen Menschen aus einem dieser Länder vorstellen. Heute: Vera Nickels aus Russland Russland. „An den Wind in Cuxhaven musste ich mich erst gewöhnen. Aber das hat nur einen Sommer gedauert“, sagt die gebürtige Russin Vera Nickels. „Inzwischen lebe ich bereits fünfzehn Jahre hier.“ Bis zum sechsten Lebensjahr hat sie dort gelebt, wo auch ihre Mutter gebürtig war. „Mein Vater kam aus Turkmenistan, einem Binnenstaat Zentralasiens. (Turkmenien in der alten Sowjetunion). Er war die dortige Hitze der Wüstennähe gewohnt und in Russland hat er immer gefroren. Vor allen Dingen im Winter, der mit Frost und Schnee sehr kalt ist.“ Ihr Heimatdorf in Russland gibt es schon lange nicht mehr. Was blieb, sind jede Menge Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage unter dem Sommerhimmel Russlands. Mit sechs Jahren hat Vera Nickels mit ihren Eltern das Dorf ihrer Kindheit verlassen. Vor einigen Jahren war sie noch einmal zusammen mit ihrer in Russland gebliebenen Tante in ihrer Geburtsstadt. „Den gleichen sandigen Boden spürte ich unter den Füßen wie damals. Die Straße konnte man noch erkennen. Das war es dann aber auch.“ „Im Garten gab es ganz leckere Pfirsiche“ Mit sechs Jahren zog die Familie nach Süd-Kasachstan. „Ich habe schöne Erinnerungen an die Zeit meiner Jugend. Wenn ich daran denke, schmecke ich förmlich die leckeren Pfirsiche aus dem Garten meines Vaters. Im April war es schon fast 30 Grad. Wir ernteten außerdem Wassermelonen, Auberginen, Paprika und vieles mehr. Im Juni war alles durch die große Hitze vorbei. Wasser war ein Problem. Die künstlichen Kanäle aus Beton aus der chinesischen Bergkette dienten den Menschen als einzige Wasserversorgung, um die durstige Erde zu sättigen.“ Nach der Schulzeit absolvierte sie ein Studium zur anerkannten Lehrerin mit dem Schwerpunkt russische Sprache und Literatur. „Das waren damals schon Welten zwischen Russland und Kasachstan“, erzählt Vera Nickels. Mit ihrer Familie ist Vera Nickels nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Russland ausgereist. In den kleinen Ort Semiozerje, der zwischen St. Petersburg und Vyborg an der Grenze nach Karelien liegt. Harte Winter und im Sommer wurde man fast von Mücken aufgefressen. Hier unterrichtete sie als Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Im Jahr 2000 ist sie nach Cuxhaven ausgewandert. Beim Paritätischen arbeitet Vera Nickels für den Jugendmigrationsdienst Cuxhaven. Ihre Stelle teilt sie sich mit Dorota Mrusek aus Polen. „Jugendliche, die aus einem anderen Land zu uns nach Cuxhaven kommen, finden hier Ansprechpartner und Unterstützung. Manchmal ist es ein Integrationsoder Sprachkurs, der weiterhilft. Manchmal ist es die Suche nach einer Schule, nach Arbeit oder einem Ausbildungsplatz. Ich weiß, wie es ist, aus einem fremden Land hierherzukommen. Oft ist es auch nur die Suche nach Wärme und menschlichem Kontakt, wenn man die Heimat aufgegeben hat. Immer aber geht es um die Begleitung von Migranten, damit sie hier ein Stück weit Fuß fassen können. „Der Umgang mit den jungen Leuten hier hält jung“, sagt Vera Nickels. In ihrem Job müsse man für alles offenbleiben. Bräuche und Traditionen werden gepflegt In ihrer Funktion als Beraterin, Vermittlerin und Coach öffnet sie Wege für junge Menschen, um an eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz zu gelangen. Für fast alles gibt es eine Lösung, sagt sie. „Ich lebe in Cuxhaven schon längere Zeit als in Russland. Trotzdem pflege ich Bräuche und Traditionen wie russische Gerichte. Mein Mann als Hamburger steuert dann das deutsche Essen bei“, sagt die engagierte Frau. „Meine Kinder lieben Pelmeni, Teigtaschen, gefüllt mit Hack, und Bliny, Pfannkuchen. Aus der russischen Küche sind Salate in vielen verschiedenen Variationen nicht wegzudenken. Der für die russische Küche so typische „Olivjesalat“ wurde ursprünglich von einem französischen Restaurant-Chef erfunden. Im 19. Jahrhundert gehörten das Fleisch wilder Haselhühner, Kalbszunge und Kaviar dazu. In den sowjetischen Zeiten wurde das Rezept vereinfacht. „Was ich vermisse, ist unsere russische Banja (Sauna). Um den Kopf zu schützen, setzt man im russischen Bad Mützen aus Filz auf. Der Dampf ist so heiß, da kann man sich auch verbrennen. Banja ist in vielen Familien zu einem Ritual geworden. Es werden gemeinsam Birkenzweige gesammelt. Damit peitscht man sich gegenseitig aus, denn es werden ihnen Reinigungskräfte nachsagt. Für eine schöne weiche Haut reibt man sich mit Honig ein. Aber wir haben hier im Ahoi- Bad auch eine schöne Sauna. Und da ich mich schon lange an den Wind gewöhnt habe, ist meine Heimat da, wo meine Familie ist. Meine Kinder, mein Mann und meine Arbeit.“ Joachim Tonn Wege für die jungen Menschen öffnen Die Welt kommt nach Cuxhaven / Heute: Vera Nickels aus Russland Für Vera Nickels und ihre Familie ist Cuxhaven zur Heimat geworden. Foto: Tonn


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