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8 KURIER Stadt & Land 17. 04. 2013 Waldleben: 100.000 Buchen als Unterpflanzung Foto: MEV-Verlag MIDLUM. Von hier oben hört man die nahegelegene Autobahn und, je nach Windrichtung, das Rauschen des Windparks Midlum, das durch das Abstreifen des Windes an den Rotorblättern entsteht. Der nach einem prähistorischen Steingrab benannte Hohesteinsforst ist 350 Hektar groß und etwa 25 Meter über dem Meeresspiegel gelegen. Hier werden derzeit 100.000 Rotbuchen als Unterpflanzung gesetzt. Eine gewaltige Zahl als Beleg für den Stellenwert des deutschen Waldes als mythischen Sehnsuchtsort, der über die pure Romantik hinausgeht. So hat „le Waldsterben“ als Lehnwort Eingang in die Debatten in Frankreich und in andere Weltsprachen gefunden. Joachim Tonn war für den Kurier vor Ort. „Wurzelnackt“, ohne Topfballen, zu jeweils 50 Stück im Bund, wurden die 100.000 Setzlinge im Hohesteinsforst angeliefert. Jetzt sind sie in einer Mulde zwischengelagert; „eingeschlagen“, wie es forstwirtschaftlich korrekt heißt. Dazu müssen ihre Wurzeln provisorisch mit Erde bedeckt werden, erklärt Revierförster Martin Bücker. Sein Revier gehört zu den „Niedersächsischen Landesforsten, Forstamt Harsefeld“ und erstreckt sich über Wanna bis hin nach Elmlohe. Aufforsten mit Revierförster Martin Bücker im Hohesteinsforst „Wir befinden uns hier auf einer Endmoräne, einer Aufschüttung von Gesteinsund Bodenmaterial der Gletscher aus der letzten Eiszeit“, erklärt Martin Bücker. Der „Hohesteinsforst“ sei zum größten Teil noch ein Nadelwald, in dem bereits viele „Unterpflanzungen“ vorgenommen wurden, erläutert der Forstmann weiter. Fichte und Lärche: Migranten schlagen Wurzeln. Dieser Waldteil ist erst in den 50er-Jahren angepflanzt worden und ist ganz international: die in Nordamerika heimische Sitka- Fichte, die japanische Lärche und die heimische Schwarzkiefer sorgen seit Jahren für ertragreiche Bestände. „Die Fichte hat uns immer mit reichlich Bauholz versorgt: Sie wird einzeln und meist dann herausgeschlagen, wenn der Baum kränkelt. Die entstehenden Lücken werden dann mit Buche und Douglasie bepflanzt. „Douglasie, weil wir uns von ihr als wachstumsstarkem Baum einen hohen Nutzen versprechen, und Buche, weil ihr Laub zur Humusverbesserung beiträgt“ erklärt der gelernte Förster, ganz in seinem Element. Legte man früher Monokulturen aus Fichten an, die schnell Holz gaben, setzt man heute auf eine Mischung aus Nadelund Laubbäumen. Aus gutem Grund: Alleinstehende Fichten können sich nicht gegen Schädlinge wehren; ein Mischwald an ihrer Seite schützt sie auf natürliche Weise wirksam vor ihren Widersachern. Daher setzt man hier auf das naturnahe Nebeneinander von 70 Prozent Nadel- und 30 Prozent Laubbäumen, für einen Forst, der nicht nur ökonomisch ertragreich, sondern auch ökologisch intakt dasteht. „Als Forstbetrieb haben wir klare Vorstellungen vom Wald der Zukunft: artenreich, stabil gegen Umwelteinflüsse und gerüstet für den Klimawandel“, fasst Bücker zusammen. Im Wald ist tatsächlich der Löwe los! „LÖWE – langfristige Ökologische Waldentwicklung heißt das Projekt“, lacht der Grünrock über das verdutzte Gesicht des Zeitungsmenschen. Die Pflanzungen nach dem LÖWEPrinzip erledigt ein Lohnunternehmer. „Wir müssen bis Ende April fertig sein, weil dann die Buchensetzlinge austreiben. Je nach Fläche setzen wir etwa 4000 Pflanzen pro Tag“, schätzt Forstwirt Zyber, dessen Betrieb mit den Arbeiten betraut ist. Die dafür bestimmte Fläche wurde zuvor geräumt und von großen Ästen und Schwachholz befreit. Die Pflanzmaschine wird von einem Schmalspurtrecker gezogen. Kaum einen Meter breit, zieht sie ihre Spur durch den Baumbestand. Dabei öffnet eine Pflugschar den Boden, Walzen drücken das Erdreich um den Setzling herum wieder an. Zybers Mitarbeiter Torben füllt Lücken auf – per Hand. „Wo die Maschine nicht hinkommt, müssen wir nachpflanzen“, sagt der junge Mann; das sei körperlich schwere Arbeit. Wie zum Beweis wischt er sich dabei den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn. In einem Pflanzsack, der vom Rücken baumelt, warten bis zu 100 junge Rotbuchen- Triebe darauf, dass ihre Wurzeln endlich im warmen, feuchten Erdreich austreiben können. Wer weiß – vielleicht träumen sie dabei von ihren gewaltigen Baumkronen, die einst den Himmel berühren und den Vögeln des Waldes Wohnung bieten werden. Äsen à la carte – Verbiss ist ein Problem. ,,Buchen sind Spätstarter. In den ersten Jahren darf man sich die Pflanzen nicht angucken. Die wachsen erst mal in den Boden hinein und müssen sich ihren Lebensraum ohne unser Zutun erarbeiten.“ Wie lange, sei nicht zuletzt abhängig vom Appetit des Wildes auf die jungen Pflänzchen. Nadelholz als Äsung finden die Tiere genug. Scharf seien die Feinschmecker unter ihnen aber auf die jungen Buchen. Wie gut, dass in deren Nachbarschaft Heide, Wildkräuter, Brombeeren und Himbeeren wachsen; die stehen nämlich auf dem Speiseplan der meisten Waldbewohner ganz oben. „Einen Rehbock haben wir hier auch“, Förster Bücker deutet auf den übel zugerichteten Spross eines Bäumchens. „Da hat er das Gehörn dran gefegt.“ Das mache er, um die Basthaut abzustreifen und sein Revier mit einer Duftmarke abzustecken, kommentiert er diesen ganz besonders ärgerlichen Schaden. „Der Frühling kommt. Gut, dass der Bock jetzt was anderes im Kopf hat, als an den jungen Buchen rumzuknabbern.“ Klingt irgendwie verständnisvoll. jt So machen wir’s! Lieber vier Tage stramm durcharbeiten und dafür ein längeres Wochenende, scheinen sich die beiden einig zu sein. So geht Pflanzen: eine Pflugschar unter der Pflanzmaschine öffnet den Boden, dann schnell hinein mit dem jungen Pflänzchen. Fotos: Tonn (2) HÄTTEN SIE´S GEWUSST? Das Jahr 2013 steht bei Deutschen Förstern ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Dieser Zeitgeist-Begriff taucht im Jahr 1713 erstmalig in einem Werk über die „Ökonomie der Waldkultur“ auf. „Nachhaltig“ bezeichnet die Nutzung der nachwachsenden Ressourcen, bei der sich Naturschutz und Nutzung die Waage halten. „Nur das zu ernten, was auch nachwächst“ wird zum Grundprinzip der Waldbewirtschaftung erhoben und ist nach 300 Jahren aktueller denn je. Dazu Martin Bücker: „Wir pflanzen in diesem Jahr 100.000 Buchen im Hohesteinsforst, um den Wald für unsere Nachkommen zu bewahren. Das ist unser Beitrag zum Generationenvertrag.“


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